2. Der theoretische Rahmen der Supervision

Beziehungsvariablen zweiter Ordnung

Zu den Beziehungsvariablen zweiter Ordnung zähle ich die Beziehungen zwischen Supervisee und seinen Klientinnen, die Beziehung zur Institution (Arbeitsplatz / Arbeitgeberin) und die Beziehungen innerhalb des Netzwerkes des Supervisee. Aus all diesen  Beziehungen ergeben sich Einflüsse für die Supervisionsbeziehung und den Beratungsprozess.

Das gilt besonders für die Beziehungen zwischen Supervisee und Klientel. Die berufstätige oder praktizierende Person (Supervisee) gestaltet im Dienste der jeweiligen Primäraufgabe diese Beziehung, versucht Bedürfnisse und Anforderungen aus ihrem Klientsystem zu verstehen und ihnen gerecht zu werden. Ganz gleich, ob es die Arbeit einer Sozialpädagogin, eines Verkäufers oder einer Krankenschwester ist: Die Beziehung zum Klienten (rsp. zur Kundin, zum Patienten) ist Zentrum und Grundlage der Arbeit. Deshalb hat die Klientbeziehung auch einen zentralen Einfluss auf das Beratungsgeschehen.

Die Klientbeziehung als zentrale Variable

Die Klientbeziehung beeinflusst die Supervisionsbeziehung und den Beratungsprozess nachhaltig. Sie kann gleicherweise untersucht werden wie die Supervisionsbeziehung. Wie sieht die Struktur, Dynamik und Qualität der Klientbeziehung aus? Gibt es eine Vertrag? Was ist das Ziel? Phasen? Rollen? Beziehungsthemen? Aufgaben und Funktionen der Beziehung? Eingesetzte Methoden?

Der Parallelprozess

Oft wiederholt sich die charakteristische Dynamik, wenn sie vom Supervisee unbewusst neu inszeniert wird. „Das Phänomen ... ist Supervisoren unter dem Begriff Parallelprozess wohl vertraut (Dodenhoff 1981; Ekstein & Wallerstein 1958). Ein Parallelprozess läuft dann ab, wenn ein Supervisand die zentrale Dynamik des Beratungsprozesses unbewusst in der Supervisionsbeziehung ausagiert.“ (Elisabeth Holloway 1995)°

Ein Beispiel

Eine Jugendarbeiterin fühlt sich durch die scheinbar auswegslose Situation einer Jugendlichen überfordert und reagiert mit Hilflosigkeit. Die Jugendarbeiterin schildert die Situation ihrem Supervisor und appelliert an seine Erfahrung. Der Supervisor nimmt den Appell an seine Kompetenz auf, übernimmt (unerkannt) Verantwortung, empfindet das als zunehmenden Druck und schon fühlt er die „gleiche“ Hilflosigkeit.

In diesem Beispiel setzt die Supervisandin einen Stimulus. Der Supervisor reagiert darauf, indem er sich identifiziert,  rsp. die Erfahrungen der Supervisandin empathisch spiegelt. Aus der nötigen Distanz heraus sind die Parallelen zwischen Interaktionen und Übertragungen erster und zweiter Ordnung nur unschwer zu erkennen. Wer im Prozess „drinsteckt“, d.h. zuviel Nähe herstellt und die Metaebene vergisst, wird die Dynamik nicht erkennen.

 

 

Meines Erachtens kommt es nicht nur auf der Grundlage klassischer Übertragung und Gegenübertragung zu solchen  Parallelprozessen und empathischen Spiegelungen, sondern auch alltägliche Stimmungen und Emotionen des Supervisee (und in Gegenrichtung der Supervisorin) werden auf diese Art transportiert.

In diesem Sinne ist die erkannte Gegenübertragung des Supervisors ein sehr wichtiges diagnostisches Instrument. Sobald der Parallelprozess erkannt und angesprochen ist, löst sich in der Regel die Verkrampfung und macht einer vitalen, konstruktiven Energie Platz.