2. Der theoretische Rahmen der Supervision

Personale und systemische Variablen der Beratungsbeziehung

Rollen

Was wird wie gemacht? Darum geht es in diesem Kapitel. Was erwarten Klienten von Beratern, wenn Sie nach Beratung fragen? Was tun die Beraterinnen, wo Menschen an Lösungen arbeiten? Mit Tipps, Expertise und vollem Einsatz zur Seite stehen oder sollen sie Beobachtungen mitteilen und so Unterstützung bieten?

 

Aufgabenorientierte und prozessorientierte Beraterrollen

Margulies und Raia (1972) unterscheiden in ihrem Modell zwischen aufgabenorientierten und prozessorientierten Beraterrollen. Auf der einen Seite wird die Beraterin als technische Expertin angesehen, die in das Klientensystem eintritt und mittels ihres Expertenwissens Empfehlungen macht, wie das gestellte Problem zu lösen ist (Aufgabenorientierung). Auf der anderen Seite bietet die Beraterin dem Klienten Hilfe und Möglichkeiten an, wie er Themen und Angelegenheiten in Zusammenhang mit seinem Problem organisieren, führen, planen, bedenken oder einleiten kann. Die Beraterin macht selber aber keine direkten Empfehlungen oder Vorschläge zur Entscheidungs- oder Lösungsfindung (Prozessorientierung).

Direktive und nicht-direktive Beratungsrollen

Abgeleitet von obiger Darstellung haben Gordon L. Lippitt und Roland Lippitt (1984)° acht Beraterrollen beschrieben und dafür eine andere Skala gewählt. Die Beratungstätigkeiten und -rollen werden auf ihre Führungsinitiative hin untersucht und auf einer Skala von nicht-direktiv (passiv) bis direktiv angeordnet. Die Rollen schliessen sich nicht aus, sondern können im Beratungsprozess und im Rahmen der vertraglichen Vereinbarungen flexibel gestaltet werden. Die Beratende tut gut daran, die Übernahme einer Rolle und deren Gestaltung bewusst anzugehen – als eine Art Prozess mitten im umfassenden Beratungsprozess. Wer seine Rollenmöglichkeiten – das heisst auch die eigenen Kompetenzen und den persönlichen Stil – erkennt und versteht, wird sie auch transparent und präzis einsetzen und benennen können. Je vielseitiger das Rollenhandling, desto eher wird sich die Beratende auch in schwierigen Situationen bewegen können.

 

Die acht Beratungsrollen und ihr Einfluss

Beobachter

Prozessberater

Faktenermittler (Rechercheurin)

Erkenner von Alternativen

Mitarbeiter an Problem-lösungen

Trainer
(Coach)

Experte

Advokat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausmass der Aktivität des Klientel beim Problemlösen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ausmass der Berateraktivität beim Problemlösen

 

 

 

 

 

 

 

 

nicht-direktiv (passiv)

 

 

 

 

 

direktiv

 

Kommunizieren

Beobachterin: Beobachtet das Klientensystem, teilt eigene Beobachtungen mit und stellt Fragen, die das Klientensystem erwägen kann oder sollte.

Prozessberaterin, Prozessbegleiterin: Beobachtet und begleitet Arbeits- und Problemlösungsprozesse des Klientensystems, kommentiert sie, gibt Feedbacks und bespricht die eigenen Deutungen mit dem Klientensystem und kann Empfehlungen abgeben.

Faktenermittlerin, Rechercheurin: Sammelt und analysiert Daten der Klientenorganisation, präsentiert sie dem Klientensystem, unterstützt und organisiert Auswertungsprozesse.

Formulieren

Erkennerin von Alternativen: Sucht nach Alternativen und Hilfsmitteln für das Klientensystem, präsentiert sie und hilft bei der Einschätzung der Konsequenzen und unterstützt bei der Arbeit an den Schlussfolgerungen.

Mitarbeiterin an Problemlösungen: Untersucht verschiedene Lösungswege, evaluiert sie mit dem Klientensystem, schlägt Handlungsmöglichkeiten vor und beteiligt sich am Entscheidungsprozess des Klienten.

Initiieren

Trainerin, Coach: Unterstützt mit "Rat und Tat" gezielt das Klientensystem, trainiert es für bestimmte Aufgaben und macht es "fit" für kritische Situationen.

Expertin: Evaluiert das Klientensystem, erarbeitet Gutachten und formuliert Entscheidungsvorlagen oder konkrete Handlungsanweisungen.

Advokatin: Umwirbt das Klientensystem mit einer bestimmten Idee, schlägt Verfahrensweisen vor und lenkt gezielt den Prozess der Problemlösung.