2. Der theoretische Rahmen der Supervision

2.2.2. Die vier Grundstrebungen Nähe, Distanz, Wechsel und Dauer

Fritz Riemanns Buch von den vier Grundformen der Angst (1974)° war eines meiner ersten „Psychobücher“, das mir als junger Seminarist während eines Spital-Praktikums empfohlen wurde. Jahre später fand ich im Buch Klärungshilfe von Christoph Thomann & Friedemann Schulz von Thun (1988)° diese vier Grundformen wieder, verarbeitet zu einem persönlichkeitstheoretischen Wegweiser. Darin ist die Rede von vier Grundstrebungen, die bei den mei­sten Menschen in unterschiedlicher Ausprägung zu beobachten sind und aktiviert werden können:

Die Grundstrebung Nähe

Hier steht der Wunsch nach vertrautem Nahkontakt; die Sehn­sucht, lieben zu können und geliebt zu werden. Eine Bindung wird zumeist angestrebt, das Bedürfnis nach Zwischenmensch­lichem, sozialen Interessen, Geborgenheit, Zärtlichkeit, ebenso nach Bestätigung und Harmonie, Mitgefühl und Mitleid, Selbst­aufgabe. Mehr Nähe

Die Grundstrebung Distanz

Hier äußert sich der Wunsch nach Abgrenzung von anderen Men­schen, um ein eigenständiges und unverwechselbares Individuum zu sein. Die Betonung liegt auf der Einmaligkeit, der Freiheit und Unabhängigkeit, Unverbundenheit und Autonomie. Das Streben nach klarer Erkenntnis des Intellekts wird deutlich. Diese Ten­denz beschreibt demnach jene Bedürfnisse im Menschen, die eher mit Distanz zu anderen zu tun haben. Mehr Distanz

Die Grundstrebung Dauer

Die Sehnsucht nach Dauer und der Wunsch nach Verläßlichkeit und Ordnung aktivieren im Menschen Grundtendenzen, die mit folgenden Begriffen umrissen werden können: Planung, Vorsicht, Voraussicht, Ziel, Gesetz, Theorie, System, Macht, Wille und Kontrolle. Damit wird verdeutlicht, welche Grundstrebung ge­meint ist: das den Moment Überdauernde wird angestrebt, um durch Langfristigkeit Sicherheit zu erlangen.

Die zeitliche Dimension läßt sich auf den zwischenmenschlichen Bereich übertragen: Hier gelten Verantwortung, Pflicht, Pünktlichkeit und Sparsamkeit, Achtung und Treue. Mehr Dauer

Die Grundstrebung Wechsel

Diese Tendenz beschreibt den Wunsch nach dem Zauber des Neuen, dem Reiz des Unbekannten, von Wagnissen und des Abenteuers; den Rahmen sprengen, den Augenblick erleben. Das Bedürfnis nach Spontaneität und Leidenschaft, Höhepunkten und Ekstase, Charme und Suggestion, nach Temperament, Genuß, Phantasie, Verspieltheit, Begehren und Begehrtwerden wird deutlich. Diese Worte beschreiben das Grundbedürfnis nach Ab­wechselung, nach Wechsel. Mehr Wechsel

 

Alle vier Grundstrebungen treffen für die meisten Menschen zu - allerdings in einem unterschiedlichen Verhältnis. Jeder verfolgt die Tendenzen in unterschiedlichem Maße, unterschiedlicher In­tensität und Reihenfolge. Dies läßt sich in einem Modell demonstrieren, in dem die vier Einzelgrundstrebungen mit fließenden Übergängen - wie sie im Leben vorkommen - dargestellt werden. Die beiden Polaritäten Dauer und Wechsel, Nähe und Distanz werden einander gegen­übergestellt. Die erste Polarität ist die Zeitachse, die zweite die Raumachse.

 

Rotes Feld
Person mit ausgeglichenen Grundstrebungen

 

Grünes Feld
Person mit zwei Grundstrebungen Richtung Nähe und Wechsel

 

Mit dem beschriebenen Modell lässt sich nicht nur das tendenzielle Grundstreben eines Menschen verstehen. Es kann auch auf Beziehungen angewendet werden. Bewusst ist in dem Modell deshalb nur von Strebungen die Rede und nicht von gefestigten Persönlichkeitstypen, denn systemisch betrachtet ist es nicht eine Position, sondern ein Feld (mit einem Schwerpunkt). Im wechselseitigen Beziehungsgeschehen agieren und reagieren Menschen innerhalb dieses Feldes meist unvorhersehbar. So kann beispielweise auch ein Nähe-Mensch auf Rückzug schalten und distanziert wirken, wenn er sich unerwartet von zu vielen Nähe-Menschen umgeben sieht (Polarisierung). Oder der mausgraue Distanzmensch verliebt sich unkontrolliert und Hals über Kopf in einen Paradiesvogel (Faszination des Gegenpoles). Schulz von Thun schreibt dazu: Die ‚Chemie der zwischenmenschlichen Begegnung’ kann aus ‚harmlosen Elementen’ hochexplosive Verbindungen bilden. Das Modell der Grundstrebungen lässt sich in der Praxis auch gut mit anderen Modellen verbinden, zum Beispiel mit dem...

Prozessmodell der Kommunikation von Taibi Kahler

Taibi Kahler beschreibt die Positionen Aktiv – Passiv, sowie Kontaktfreudig – Zurückhaltend und bildet sie auch in einem Quadrat auf zwei Achsen ab. Die dabei entstehenden vier Quadranten stehen für verschiedene Kontaktmodalitäten: Fühlen, Denken und Verhalten (Behaviour).

 

 

 

Aktiv

 

 

Die Person mit Schwerpunkt in diesem Quadrant kann am einfachsten übers Fühlen kontaktiert wird.

Kontaktfreudig

Fühlen

Denken

Zurückhaltend

Die Person mit Schwerpunkt in diesem Quadrant kann am einfachsten übers Denken kontaktiert wird.

Die Person mit Schwerpunkt in diesem Quadrant kann am einfachsten übers Verhalten kontaktiert wird.

Verhalten

Verhalten

Die Person mit Schwerpunkt in diesem Quadrant kann am einfachsten übers Verhalten kontaktiert wird.

 

 

Passiv

 

 

Taibi Kahler unterstreicht mit dem Modell die Bedeutung der gewählten Kontaktmodalität beim Erstkontakt. Wer auf Nummer sicher gehen will, tut gut daran eine Beziehung beim Erstkontakt gut aufzugleisen, das heisst das Gegenüber in der Kontaktmodalität seines Quadranten anzusprechen. Wer den Erstkontakt über Kreuz aufbaut, riskiert sein Gegenüber zu  irritieren oder zu vertreiben.